Die Postwachstumsbewegung zwischen Elite und Ideal
Das Ideal vom Wirtschaftswachstum geht auf die Zeit der Industrialisierung zurück, in der Entwicklung und Wachstum fast dasselbe bedeuteten: Fortschritt. Was aber geschieht in einer Gesellschaft, in der deutlich wird, dass die Ressourcen endlich sind? 1972 schrieben Donella und Dennis Meadows vom Club of Rome in „Die Grenzen des Wachstums“, dass es eine globale Katastrophe geben würde, wenn das Wachstum ungebremst weitergehen würde. Sie forderten, dass im Interesse der Menschheit eine Blickwende stattfinden müsse.
Zum Ideal vom Wachstum gehört ein Menschenbild vom homo oeconomicus, der sein privates Interesse verfolgt. Man stellte sich ihn als erwachsenen Mann vor, der über eine kleine Familie und ein überschaubares Geschäftswesen bestimmt. Doch der homo oeconomicus überblickt nur den Kreis seiner Haushalts- und Geschäftsausgaben. Seine private Kosten-Nutzen-Rechnung schließt weder unbezahlte Formen von Arbeit ein noch komplexe Gründe für Entscheidungen von Konsum oder Verzicht. Wenn aber nicht das große, globale Ganze in den Blick genommen wird als ein Netz von Ursachen und Wirkungen, vernichten wir unsere eigene Lebensgrundlage. Dafür brauchen wir ein anderes Menschenbild: Eine andere Vorstellung von uns selbst und unserem eigenen Nutzen und Interesse. Das sind die Grundideen der Postwachstumsbewegung.
Nicht grün, sondern weniger
In Frankreich prägte vor allem der Ökonom Serge Latouche den Begriff „décroissance“, deutsch etwa „Wachstumsrücknahme“, englisch „degrowth“. In Deutschland gehören zu den wichtigsten Vertreter*innen der Bewegung Angelika Zahrnt, Adelheid Biesecker, Ulrich Brand und Niko Paech. Es waren die Postwachstumsideen, die eine Erneuerungsbewegung unter den Ökos auslösten, als die Alt-68er schon längst in ihrer Altbauwohnung oder ihrem Eigenheim angekommen waren. Ein nicht kleiner Teil von ihnen fuhr regelmäßig in dem vielzitierten SUV beim Biomarkt vor. Die Postwachstumsideen waren radikal, weil sie klar formulierten, dass nicht grüner Konsum ökologisch effektiv sein kann, sondern nur weniger Konsum.
Eine zusätzliche Dynamik bekam die Bewegung durch die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008. Diese Krise hatte eine positive Auswirkung, die alle Klimaverhandlungen und grünen Technologien nicht vermocht hatten: Die globalen CO2-Emissionen sind damals leicht gesunken. Das war Wasser auf den Mühlen der Postwachstums-Vertreter*innen: Wer Wirtschaftswachstum will, soll sich nicht über Umweltkrisen wundern.
Die Degrowth-Pionier*innen, die auf diese Art und Weise öffentlichkeitswirksam argumentierten, hatten und haben fast ausschließlich einen akademischen Hintergrund. Diskutiert wurde in wissenschaftlichen Publikationen und akademischen Kreisen, schließlich in bürgerlich-liberalen Wochenzeitungen. Die Anhänger*innen des Postwachstumsgedankens wurden zum schlechten Gewissen der Umweltbewussten. Wie ein Stachel in der Wohlfühl-Ökoszene erinnerten sie daran, dass es die Anzahl der Flüge und bewohnten Quadratmeter, nicht aber die der Tofuwürstchen sind, die den ökologischen Fußabdruck entscheidend beeinflussen. Als dieser Stachel blieben sie aber auch in der Debatte bezogen auf eine elitäre und individualisierte Schicht, die sich den Luxus leistet, ständig um sich und die Tragweite ihres eigenen Handelns zu kreisen.
Klassismus als Umerziehung
Ein Teil der Postwachstumsbewegung läuft demnach auf mehreren Ebenen Gefahr, elitär statt inklusiv – also klassistisch – zu sein. Die Philosophin Iris Marion Young hat fünf Dimensionen von Klassismus unterschieden: Ausbeutung, Marginalisierung, Machtlosigkeit, Kulturimperialismus und Gewalt. Die Soziolog*innen Andreas Kemper und Heike Weinbach beschreiben in ihrer deutschsprachigen Einführung, wie Youngs Dimensionen des Klassismus sich in verschiedenen deutschen Alltagssituationen ausprägen – etwa durch eine Fülle an Politikerwitzen über faule Arbeitslose.
Insbesondere der konservative und der suffizienzorientierte Strang der Postwachstumsbewegung riskieren dabei, Gruppen von Menschen abzuwerten, denen sie ein Eigeninteresse und eine Konsumfixierung zuschreiben. Sie konzentrieren sich allzu oft auf die einzelnen Individuen, die sich entwickeln sollen. Damit schüren sie letztlich auf individueller Ebene dieselben Muster eines in unseren mentalen Infrastrukturen verinnerlichten neo-liberalen Wachstumsfetisches.
Von diesen Strängen innerhalb der Postwachstumsbewegung wird dabei oft die Frage nach den politischen Rahmenstellungen, die Klassenfrage, die Forderung nach Umverteilung ausgeblendet. Manche deuten sogar auf die ökologischen Nachteile von Umverteilung hin, so etwa Niko Paech. Die einzelnen, individuellen Praktizierenden werden gefeiert, die kleinen Lösungen, die Kompostklos und Tiny Houses, während soziale Gerechtigkeit in den Hintergrund rückt – und mit ihr entsprechende politische Lösungen.
Zugleich kann die Konsumkritik selbst klassistisch werden. Konsum ist die Bequemlichkeit der Reichen, andererseits aber auch ein Distinktionsgewinn für die Armen, ein Zeichen des Aufstiegs hin zu einer globalen Mittelklasse. Der weite, inklusive Blick und der asketische Konsumverzicht sind elitäre Privilegien. Menschen, die sich nicht so kleiden, nicht so reden und nicht so aussehen, als hätten sie diese Privilegien, wird unterstellt, dass sie noch der Erziehung bedürften.
Dabei sind die Geringverdienenden und Arbeitslosen die wahren Öko-Held*innen: Sie haben statistisch gesehen den geringsten ökologischen Fußabdruck. Dies wird innerhalb der Postwachstumsbewegung sehr divers diskutiert und interpretiert: Problematisch ist, dass diejenigen, die die wenigsten Ressourcen verbrauchen, kulturell so wahrnehmen, als würden sie sich über Konsum definieren und an der „Wachstumsnadel“ hängen. Es gilt, sie zu „befreien“ oder zu „wecken“. Kaufsüchtige Primark-Kund*innen, die taube, dumme, konsumgeile Masse, sollen von den aufgeklärten Anhänger*innen des Postwachstumsgedankens wachgerüttelt und von ihrem Überfluss befreit werden. Sie sollen das Licht der Klamottentauschbörse, der Öko-Labels und des Einkochens von Früchten aus verlassenen Streuobstwiesen erkennen. Diese evangelikale Verve, arme unterprivilegierte Menschen zu ihrem Glück zu erziehen, ist paternalistisch und klassistisch.
Solidarität und Verantwortung
Zum Glück ist die Postwachstumsbewegung heterogen und wird von verschiedenen Vertreter*innen getragen, die diese unterschiedlichen Ebenen ansprechen. Vielversprechend scheinen Ansätze wie der von Ulrich Brand, die sich weniger auf das Individuum und dessen Zurechtweisung konzentrieren und mehr auf das Ganze der Gesellschaft. Solche Ansätze kommen auch aus der feministischen Ökonomie, in der Sorge- und Beziehungsarbeit, in die Kosten-Nutzen-Rechnung einbezogen werden. Diese unsichtbaren Arbeiten kommen in der üblichen Effizienzberechnung nicht vor. Das führt zu einem veränderten Verständnis von Privatinteresse, ganz im Sinne von Marx, der betonte, in welchem Maß dieses Privatinteresse gesellschaftlich bestimmt ist – und damit eben gerade nicht individualisiert. Wenn Sorgearbeit und Beziehungsarbeit gesellschaftliche Anerkennung erfahren, würden sie von selbst als Distinktionsmerkmale angenommen werden. Zugleich würde sich das Bild der „unteren Schichten“ wandeln, denn ihre Sorge- und Beziehungsarbeit bildet eine notwendige Basis für die Privatleben-Modelle akademisch gebildeter kultureller Influencer*innen. Ausbeutungsverhältnisse würden eine andere Sichtbarkeit bekommen. In die Postwachstumsbewegung hat Adelheid Biesecker diese Gedanken mit dem Konzept des „vorsorgenden Wirtschaftens“ einfließen lassen, das nachhaltig, kooperativ und kommunikativ sein soll.
Wenn die Postwachstumsbewegung also wirklich solidarisch denkt, nämlich global und klassenübergreifend solidarisch, dann hat sie auch ein Konzept von globaler Gerechtigkeit. Schließlich sind Forderungen nach Klimagerechtigkeit auch aus der De-growth-Bewegung entstanden, da der Globale Süden unter dem Klimawandel am meisten leidet. Entscheidend ist dabei, dass das Menschenbild des homo oeconomicus und seines Privatinteresses nicht durch ein Bild vom „besseren“ Menschen ersetzt wird, der mit seinem vereinzelten Handeln die Verantwortung trägt, sondern durch das Bild einer solidarischen Gemeinschaft.
Viola Nordsieck & Marius Hasenheit
Viola Nordsieck gibt das transform Magazin für das gute Leben mit heraus und forscht zu politischen und soziologischen Themen innerhalb der Kulturphilosophie. Vorträge und Workshops finden sich unter violanordsieck.net.
Marius Hasenheit ist Mitherausgeber des transform Magazins, Mitarbeiter des Think Tanks Ecologic Institut und Mitglied der Genossenschaft sustainable natives eG.
Der Artikel ist Teil der Handreichung "Aspekte Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Natur- und Umweltschutz".
Literatur
Biesecker, Adelheid/Hofmeister, Sabine (2006): Die Neuer-findung des Ökonomischen. Ein (re)produktionstheoretischer Beitrag zur Sozialökologischen Forschung. oekom, München.
Brand, Ulrich: Kapitalistisches Wachstum und soziale Herrschaft. Motive, Argumente und Schwächen aktueller Wachstumskritik. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, 44/2, Juni 2014.
Weinbach, Heike/Kemper, Andreas (2016): Klassismus. Eine Einführung. Unrast, Münster.